Der Zwerchfell-Halswirbelsäulen-Reflex (DZR)

Der Zwerchfell-Halswirbelsäulen-Reflex (DZR)

 

Der Zwerchfell-Halswirbelsäulen-Reflex (DZR)

Zusammenfassung: Der Zusammenhang zwischen Oberbauch-und Atmungsorganen zur Halswirbelsäule (HWS) wird beschrieben. Reizübertragungen organischer Strukturen erfolgen über den das Diaphragma (Zwerchfell) versorgenden Nervus Phrenikus zu dessen Austrittsgebiet aus dem Rückenmark im unteren Bereich der HWS. In diesem Bereich der Halswirbelsäule überlagern sich die Nervengeflechte des Nackens und der Arme, auf die die organischen Irritationen übertragen werden. Die direkte Behandlung der HWS sehe ich in diesen Fällen als Behandlungsfehler an.

Schmerzlokalisation und Ursache sind nicht immer identisch
Es wird davon ausgegangen, dass die Ursachen von Schmerzen stets am Beschwerdeort zu finden sind. Diese Annahme trifft bei der Halswirbelsäule jedoch nur auf die Folgen traumatischer Einwirkungen zu. Besonders hier kann das, wie es sich zeigen wird, fatale Folgen haben: Unendlich viele und wirkungslose Behandlungen werden wegen Unkenntnis der tatsächlichen Zusammenhänge durchgeführt. Möglicherweise wegen dieser Unwirksamkeit mit noch invasiveren Maßnahmen, wie beispielsweise Operationen „geahndet“.

Charakteristische Fallbeispiele: Das Zervikalsyndrom
1.
Patient mit sehr schmerzhafter Bewegungseinschränkung seiner HWS bei gleichzeitig bestehender „Frozen Shoulder“, der linken Seite. Nach etwa 30 (!) physiotherapeutischen Behandlungen wird der Blutzucker gemessen und ein hochgradig von der Norm abweichender Wert gefunden. Durch die Injektion von Insulin normalisiert sich nicht nur der Blutbefund, sondern wird zugleich, in einigen wenigen Tagen, der Nacken und die Schulter absolut beschwerdefrei.
2. Patientin mit schmerzhafter Rotationeinschränkung der HWS nach rechts. Zugleich besteht ein „Golferellbogen“, eine Epicondylitis medialis. Sie ist mit einem amerikanischen Chiropraktoren verheiratet, der diesem Problem seit langer Zeit machtlos gegenübersteht. Ursache waren Gallensteine, deren Störfeuer durch ein Medikament, wie es bei Koliken eingesetzt wird in einer knappen halben Stunde Beschwerdefreiheit bewirkte.
3. Dem Patienten ist seine Hiatushernie (Zwerchfellbruch) bekannt. Neben den daraus verursachten Magenbeschwerden, wie z.B. Magenschmerz und Sodbrennen, leidet er unter linksseitigen Nacken-, Schulter-, Armbeschwerden. Beschwerden, wegen der er von einem Gastroenterologen, einem Chiropraktiker und einem Orthopäden gleichzeitig, erfolglos, therapiert wurde. Durch diätetische Maßnahmen konnten seine Beschwerden auf ein deutlich erträgliches Maß reduziert werden.
4. Der etwa 40 Jährige beklagt sich über Druckgefühle im rechten Oberbauch, die ihn bei der Atmung behindern und weiter über Schmerzen in der Mitte der Brustwirbelsäule. Zugleich bestehen schmerzhafte Bewegungseinschränkungen in der Halswirbelsäule nach rechts und bis in den rechten Kleinfinger einstrahlende Schmerzen bei einem Schulter-Armsyndrom. Die Computer-Tomografie zeigt einen Bandscheibenvorfall zwischen dem 5. und 6. Halswirbel aber keine pathologischen Veränderungen der Brustwirbelsäule. Die bisher ergebnislose Therapie seit mehr als einem Jahr besteht aus Injektionen, Einnahme von Schmerzmitteln etc. sowie Chirotherapie. Durch eine Bandscheibenoperation der Brustwirbelsäule ändert sich die Symptomatik nicht. Bei einer Ultraschalluntersuchung der Oberbauchorgane werden mehrere Polypen auf der Gallenblase entdeckt, die jedoch nicht für behandlungsbedürftig gehalten wurden. Dennoch, nach Entfernung der Gallenblase wird der Patient beschwerdefrei.

Welcher Facharzt ist zuständig: Orthopäde oder Internist?
Alle die hier als Beispiel genannten Fälle wurden von Orthopäden behandelt, weil sich die Beschwerden in der Halswirbelsäule abspielten. Internistische Abklärungen wurden von ihnen wegen der angeblichen Eindeutigkeit der Beschwerden weder vorgenommen noch veranlasst. An dieser Stelle könnte der Einwand erfolgen, dass es sich bei den hier als Beispiel geschilderten Fällen um seltene Ausnahmen handelt. In der Praxis zeigt es sich jedoch ständig, dass der hier beschriebene Zusammenhang zwischen den Bauch, den Atmungsorganen und der HWS die Regel ist. Frische traumatische Einwirkungen, wie beispielsweise nach einem Schleudertrauma sind natürlich davon (zunächst) ausgenommen. Mit der Hypothese der Reizübertragung zwischen zwerchfellnahen Organen und der HWS lassen sich Unfallfolgen erklären, deren Beschwerden bereits seit Jahren bestehen. Die durch einen Unfall entstandene „Schwachstelle HWS“ ermöglicht es inneren Organen sich dort auszuwirken.

Das Diaphragma und sein Nerv
Das Zwerchfell (Diaphragma) ist der Hauptatemmuskel. Er befindet sich der Mitte des Rumpfes. Sein Absenken nach unten bewirkt die Einatmung und seine Bewegung nach oben presst die Luft aus der Lunge. An seiner Oberfläche hat es Kontakt mit den Lungenflügeln und die untere Fläche berührt Bauchorgane.

Die nervliche Versorgung erfolgt vom Nervus Phrenicus. Dieser Nerv tritt zwischen dem 3. bis 6. Halswirbel aus dem Rückenmark aus, zieht von da an der Vorderseite der Wirbelsäule nach unten zu seinem Muskel. Auf dem Diaphragma bildet er ein engmaschiges Netz. Befindet sich eines der in der Nachbarschaft des Zwerchfells befindlichen Organe in einem Reizzustand, dann wird diese Störung reflektorisch in die Halswirbelsäule übertragen.

In diesem Bereich der Halswirbelsäule befindet sich das Hals- und Armnervengeflecht, über die es augenscheinlich zu Beeinträchtigungen der Halswirbelsäule und zu Einstrahlungen in die Schulter und den Arm kommen kann. Ein Hinweis auf die Existenz der Wechselbeziehung zwischen den zwerchfellnahen Bauchorganen und der Region der HWS ist das in der offiziellen Medizin bekannte „Saegesser-Zeichen“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Phrenicuspunkt). Bei einer Milzruptur bildet sich eine linksseitige Druckempfindlichkeit 2 bis 4 Zentimeter oberhalb des Schlüsselbeins am hinteren Rand des M. Sternocleidomastoideus. Mit dem „Kehr-Zeichen“ werden Schmereinstrahlungen in die Schulter ebenfalls bei Milzverletzungen aber auch bei Eileiterrupturen und Magengeschwüren beschrieben. http://de.wikipedia.org/wiki/Kehr-Zeichen

Eine weitere bekannte Wechselwirkung zwischen dem Diaphragma und der Halswirbelsäule ist die Phrenicusreizung, wie sie nach einer Laparoskopie auftreten kann. Dabei wird der Bauchraum mit , Gasen gefüllt. Das Gas übt Druck auf das Zwerchfell aus, und es kommt häufig zu beidseitigen Schulter-, Nacken- und Armbeschwerden. Erst nach Entweichen des Restgases erlischt diese Symptomatik.

Die Homolateralität der Beschwerden
Da der Nervus Phrenicus paarig angeordnet ist, kommt es bei organischen Reizübertragungen vom Zwerchfell in die Halswirbelsäule zu seitlichen Lokalisationen der Beschwerden, die der Seitenanordnung der auslösenden Organe entsprechen. Auf der linken Seite können das Ausstrahlungen des Magens, der Bauchspeicheldrüse, der linksseitig gelegenen Teile des Dünndarms, des Dickdarms aber auch der linken Niere sein. Auf der rechten Seite sind das vornehmlich die Gallenblase und die Leber aber ebenso alle anderen auf der rechten Seite befindlichen Organe.

C3 - C4 und die Segmenttherapie
Unter einem spinalnervlichen Segment wird das von einem, zwischen benachbarten Wirbeln, aus dem Rückenmark austretenden Spinalnerven versorgte Haut- und Muskelgebiet verstanden. Der gleiche Spinalnerv versorgt auch Teile eines inneren Organs. Ziel der Segmenttherapie ist, über definierte Hautareale Einfluss auf innere Organe zu nehmen.

Halswirbelsäule

Etwa 1935 erforschten die deutschen Neurologen Hansen und von Staa die Segmentierung des Körpers und machten die Beobachtung, dass bei Patienten mit internistischen Krankheitsbildern stets die Halswirbelsäule mitbeteiligt ist. Die Zonen C3 - C4 traten auf der Körperseite der Erkrankung in Erscheinung. Sie zeigten sich dort nicht nur als Tonuserhöhung von Haut und Muskulatur, sondern auch als Schmerz und Bewegungseinschränkungen.

Da sich der Austritt vom Phrenicus (C3 – C6) etwa in der Mitte des Halsgeflechts (Plexus cervicalis C1 - C4) und nur einen Wirbel höher als das Armgeflecht (Plexus brachialis C5 - Th2) befindet, wird erklärlich, dass die dem Zwerchfell nahe gelegenen Organe die gesamte Halswirbelsäule beeinflussen und u. U. ihren Reiz bis in den Arm und in die Hand übertragen können.

Ausblick
Mit dem Diaphragma-Zervikal Reflex lassen sich viele, ansonsten mit herkömmlicher Therapie der Halswirbelsäule kaum beeinflussbare Beschwerdebilder, inkl. der Schulter-Armsyndrome nicht nur begründen, sondern wegen der damit verbunden, anderen Denkweise mit drastisch mehr Aussicht auf Erfolg (internistisch) behandeln.

Klaus Radloff
Physiotherapeut
www.klaus-Radloff.com

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